Blauwasser-Segeln

Dort, wo Zeit zur Nebensache wird und das Ursprüngliche Alltag ist, scheint die Welt noch eine heile zu sein. Warum kommen die Blauwassersegler dann wieder zurück? Ein großer Teil der Weltenbummler kehrt heim, weil das Zeitkontingent oder die Bordkasse aufgebraucht sind, oder beides. Segeln kostet Geld, auch auf eigenem Kiel. Oft werden die Blauwasserreisen unter finanziellen Entbehrungen gestartet oder durch den Verkauf von Hab und Gut finanziert. Nicht selten zu Lasten der Karriere oder der Altersvorsorge, um nur zwei Beispiele zu nennen.

Was ist aber mit denen, die es sich erlauben könnten, auf Hawaii oder Neu Guinea von ihren Einnahmen sorgenfrei zu leben? Warum landen auch die meisten dieser Segler wieder in Graz oder Frankfurt? Vielleicht hat diese zweite Gruppe erkannt, dass der Alltag auf Hawaii oder Neu Guinea – um bei dem Beispiel zu bleiben – alles andere als exotisch ist. Zwar stehen fern der Heimat Palmen statt Fichten, aber die Strukturen der Kulturen und die Regeln, nach denen die Gemeinschaften noch funktionieren, sind meist konservativer als der Vatikan. Das freie Leben in einem exotischen Paradies wie es der Künstler Paul Gauguin im 19. Jahrhundert auf Tahiti oder der Eremit Tom Neale im 20. Jahrhundert auf Suwarrow suchten, bleibt nur für Wunsch.

Wer heute auf dem Wasser reist, kommt in der Regel wieder auf den Boden zurück, meint, er landet meistens in seiner Heimat. Wobei das Wort Heimat hier nicht für den Geburtsort steht, sondern den Kulturkreis. Ein Österreicher wird mit der italienischen Kultur besser zurechtkommen als mit den Stammesgesetzen auf Hawaii oder Neu Guinea. Schweizer oder Deutsche in der Regel auch.

Es ist anstrengend, aus der eigenen Kultur auszubrechen. Zu viele Verknüpfungen sind es, die uns Menschen seit frühester Kindheit fesseln. Wer mit Sauerbraten aufgewachsen ist, wird mit dem gebackenen Erdschwein auf Dauer nicht leben können. Wer demokratisch erzogen wurde, wird oft auf seine Zunge beißen müssen, um die für uns verkrusteten Strukturen zu ertragen. Fremde Kulturen sind für Urlauber ein Augenschmaus, für Aussiedler, die darin leben wollen, mitunter ein ständiges Verbiegen oder Augenverschließen.

Ich bin mal eben weg“ ist ein geläufiger Satz, der gerne eingesetzt wird, wenn eine Auszeit ansteht. Dieser Satz beinhaltet aber auch das Zurückkommen. Unterwegs nach einem Landausflug ist es die Yacht, die in der Fremde als schwimmende Heimatscholle dient. Und weil dieses Stück Heimat mitsegelt, sind auch fremde Kulturen gut zu ertragen. Man kann sie nach Bedarf aussperren und sich im Bauch seiner Yacht zu Hause fühlen. Ein Grund, warum segelnde Menschen so entspannt sind.

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