Der Beginn der Kolonisierung

 

1494 teilten die katholischen Länder Spanien und Portugal die Welt in dem vom Papst garantierten „Vertrag von Tordesillas“ unter sich auf. Portugal sollte östlich eines 370 Leguas (zirka 1.770 Kilometer) vor den Kapverdischen Inseln verlaufenden Meridians tätig werden, also im Bereich der Ostroute nach Indien. Spanien konnte das Gebiet westlich davon, im Bereich der Westroute nach Indien (1520 von Magellan entdeckt) und in den gerade von Kolumbus entdeckten Ländern für sich beanspruchen. Da die Küstenlinien von Nord- und Südamerika noch nicht bekannt waren, gehörte dadurch der östliche Teil des brasilianischen Festlandes noch zu Portugal. Man stritt sich später darüber, ob die östliche oder westliche Grenze der Kapverden gemeint war, was einen Unterschied von 60 Leguas (zirka 290 Kilometer) bedeutete. Oder war möglicherweise auch das Kap Verde in Afrika gemeint? Außerdem gab es Streit um die anzuwendende Legua, deren Länge in Spanien, Portugal, England und Frankreich unterschiedlich war.

Aufmarsch in Südostasien

Als erste Europäer gründeten die Portugiesen in Indien und Südostasien Faktoreien, nachdem sie 1509 Goa und 1511 Malakka (das Tor zum Osten auf der malaiischen Halbinsel) erobert hatten. Sie errichteten einige Festungen, um den Handel auf See kontrollieren zu können. Die Handelsgesellschaft „Casa da India“, mitfinanziert von den deutschen Fuggern, Venezianern und Genuesen, organisierte den Handel. Mit den Spaniern stritten sie sich um die Gewürzinseln, die Molukken. Als meisterhafte Diplomaten spielten sie die örtlichen Fürsten so gegeneinander aus, dass sie ein Handelsmonopol errichten konnten. Sie führten das Selbstverwaltungsrecht für Städte ein und setzten kulturelle und religiöse Akzente, die sich zum Teil bis heute erhalten haben. Jedes Jahr kam ein Schiff mit königlichem Monopol zu den Faktoreien, an dessen Ladung die Krone und der Kapitän Tausende von „Cruzados“ verdienten. Da auch der Mannschaft eine steuerbegünstigte Freifracht eingeräumt wurde, waren die Schiffe manchmal so mit Waren überladen, dass sie auf der Heimfahrt gekentert sein sollen. Die portugiesische Ära währte nur knapp hundert Jahre, bereits um 1600 wurden die Portugiesen immer stärker von den Niederländern verdrängt.

Die niederländische „Vereenigde Oost-Indische Compagnie“ (VOC) wurde 1602 gegründet. Jeder Niederländer konnte Anteile erwerben, aber auch Engländer und Deutsche gehörten zu den Anteilseignern. In Konkurrenz mit den Engländern eroberten die Niederländer Teile Indonesiens und gründeten 1619 das berühmte Batavia (heute Djakarta) auf Java. Schließlich löste die Seemacht der halbstaatlichen VOC die Portugiesen Anfang des 17. Jahrhunderts völlig ab. Die VOC war bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1799 geschäftlich sehr erfolgreich. Viele prunkvolle Kaufmannshäuser in den Niederlanden erinnern an diese Zeit.

Neben den erfolgreichen Portugiesen hatten noch im 16. Jahrhundert spanische Seefahrer aus Mexiko eine Kolonie auf den Philippinen gegründet. Im spanischen Weltreich erhielten die Philippinen den Status einer Subkolonie von Mexiko. Allerdings wurde Mexiko damals als „Vizekönigreich Neu-Spanien“ bezeichnet. Von hier aus betrieb man den Gewürz- und den Chinahandel. Jedes Jahr segelten Galeonen mit chinesischer Seide über den Pazifik von Manila nach Acapulco und kamen mit einer Ladung Silbergeld zurück. Die Galeonen waren größer und schlanker als die Karracken, bis zu 50 Meter lang mit einer Wasserverdrängung von bis zu 1.600 Tonnen und mit Kanonen bestückt.

Die englische „East India Company“ (EIC) war ab 1600 als Aktiengesellschaft mit dem staatlichen Monopol-Privileg tätig. Sie errichtete Faktoreien auf Sumatra, Celebes, Borneo und Java. Wegen ihrer schlechten Kapitalausstattung und weil die meisten englischen Schiffe auf der Nordamerikaroute fuhren, behielt die niederländische „Vereenigde Oost-Indische Kompagnie“ die Oberhand über die Gewürzinseln.

In Indien hatte die EIC bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1858 mehr Erfolg. Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sie befestigte Residenzen in Bombay, Madras und Kalkutta sowie 170 zum Teil befestigte Stationen. Kriegsschiffe und Truppen der Krone sicherten die englischen Interessen. Damit hatte die EIC einen großen Anteil an der Eingliederung Indiens in das britische Empire.

Die französische „Compagnie des Indes Orientales“ existierte von 1664 bis 1770. Sie wurde unter dem Patronat Ludwig XIV. als Aktiengesellschaft gegründet, bei der Zwangsanleihen vom Hofadel, von vermögenden Bürgern und von reichen Städten gezeichnet wurden. Die geringe Kapitalausstattung führte 1720 zum Zusammenbruch der Gesellschaft, die dann durch die Zuweisung des Tabakmonopols gerettet wurde. So mussten schon damals die Raucher staatliche Projekte mitfinanzieren.

Stützpunkte der Franzosen waren Pondichéry, Chandanagor und Mahé im Süden Indiens. Ständige dirigistische Eingriffe des Staates waren aber den Geschäften abträglich, sodass die „Compagnie“ nur wenig Erfolg hatte.

Weiterhin gab es von 1719 bis 1731 die österreichische „Ostende-Gesellschaft“, von 1745 bis 1765 die brandenburgische „Asiatische Kompanie“ und den Versuch, eine dänische Kompanie zu gründen. Außerdem versuchten sich in Emden aus polnische und preußische Gesellschaften zu etablieren.

In dieser Zeit gewann ein weiterer Schiffstyp an Bedeutung, der Ostindienfahrer. Dabei handelte es sich um eine Weiterentwicklung aus Galeonen und Fleuten. Es waren Zweidecker mit Rahbesegelung und einem fast ebenen Deck. Damit diese völligen Schiffe ihre Waren im Schiffsbauch möglichst sicher nach Hause brachten, waren sie mit zahlreichen Waffen zur Verteidigung bestückt.

Die Währung

Die gängige Währung in diesen Handelsgebieten waren spanische Silbermünzen, die durch Sklavenhandel, Verkauf von Waren oder Kaperung spanischer Schiffe beschafft wurden. Die Gold- und Silbertransporte der Spanier, die im 16. Jahrhundert durch die Karibik in das Mutterland segelten, waren eine begehrte Beute vieler anderer Staaten wie beispielsweise der Engländer und der Niederländer, aber auch der Flibustier. Das begehrte Zahlungsmittel kam allerdings durch den Handel auch auf direktem Weg von Neu-Spanien (Mexiko) nach Südostasien. So beruhte die Entwicklung des Handels zwischen Europa und Südostasien auch auf der Ausbeutung Lateinamerikas.

Handel und Piraterie

Mexiko wurde nach der Eroberung durch Cortés (1519 bis 1522) für zirka 300 Jahre spanischer Kolonialstaat und Spanien behielt damit lange den Löwenanteil, und die Übermacht in dieser Region. Allerdings kämpften Spanier, Engländer, Niederländer und Franzosen jeder gegen jeden um die Karibik. Die Insel Santa Lucia wechselte vierzehnmal den Besitzer zwischen Frankreich und Großbritannien. Den Dänen gelang die Eroberung der Jungferninseln, was aber die Weltgeschichte nicht sonderlich beeinflusste. Die Engländer und Franzosen sowie auch die Niederländer bedienten sich bei diesem Kampf privater Investoren, indem sie wieder Handelskompanien gründeten. Ein weiteres probates Mittel im Kampf gegen die Spanier war die staatlich lizenzierte Seeräuberei.

Der niederländische Admiral Piet Hein überfiel 1628 vor der Nordküste Kubas eine spanische Silberflotte. Mit den dabei erbeuteten elf Millionen Gulden konnte die noch schwache niederländische „West-Indische Compagnie“ überleben.

Der Engländer Sir Francis Drake war für die Seeräuberei auch ein berühmt-berüchtigtes Beispiel. Im Auftrag seiner Königin Elisabeth I. überfiel er als Freibeuter zehn Jahre lang die Spanier in Westindien und an der Nordostküste Südamerikas, bis er die Erlaubnis erhielt, eine Südseeexpedition auszurüsten. Daraus wurde dann eine Weltumsegelung, bei der er die freie Durchfahrt südlich von Kap Hoorn entdeckte. Kein Grund, sein einträgliches Geschäft zu beenden. Also raubte er weiterhin spanische Schiffe an der Ostküste Süd- und Nordamerikas aus. Reich mit Schätzen beladen kehrte er nach England zurück, wo er von Elisabeth I. in den Adelsstand erhoben wurde.

Aus dem England dieser Zeit stammte noch eine weitere schillernde Persönlichkeit, die nicht so viel „Fortune“ hatte wie Sir Francis Drake. Es war Sir Walter Raleigh, Soldat, Seeräuber, Höfling, Dichter und Verführer einer Ehrendame der Königin. Für die Verführung wurde er in den Tower geworfen. Um dem Tower zu entgehen, finanzierte er eine Expedition nach Amerika und erreichte im Juli 1584 die Küste von North Carolina. Hier versuchte er 14 Jahre lang eine Kolonie zu gründen, die er mit Erlaubnis der unverheirateten Königin Elisabeth I. Virginia (Virgin Queen) nannte. Durch die steten Angriffe der Indianer waren die Siedler froh, wieder nach England reisen zu können. Der Plan einer Kolonie wurde begraben.

Ebenso erfolglos waren auch seine Versuche, auf Expeditionen nach Guayana Gold für die Krone zu finden. Auf seiner Suche nach dem sagenhaften El Dorado fuhr er 1595 sogar zirka 800 Flusskilometer den Orinoco hinauf, musste aber umkehren, da die Regenzeit den Fluss zum reißenden Strom verwandelte. Obwohl er 1617 eine zweite Reise zum Orinoco unternahm, blieb sein Traum von einer Kolonie eine Utopie. Er hatte wirklich viel Pech, sogar bis zum Ende: Der katholische König Jakob I., der Nachfolger Elisabeth I., stellte Sir Walter Raleigh schließlich eine Falle und ließ ihn wegen einer angeblichen Verschwörung gegen die Krone hinrichten.

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