Jolly Roger

Sicherlich dürfen Segler geteilter Meinung sein über die geteilte Meinung, die wir zum Thema Piraten spazieren tragen. Es scheint fast, die Piraten aus den vergangenen Jahrhunderten stellen für viele ganz sympathische Kerle dar, während die modernen Piraten selbst bei Nichtseglern alle Sympathien verspielt haben dürften, also lediglich als Killermaschinen betrachtet werden.

Warum splitten wir die Piraten in zwei Gruppen auf? Vielleicht haben Groschenromane und Hollywoodschinken unser klares Denken etwas vernebelt. Wir sollten aber nicht den Gespinsten verträumter Seefahrerromantiker folgen und die Piraten der Vergangenheit zu charmanten Schurken mutieren lassen, nur weil sie uns heute nicht mehr gefährlich werden können. Nicht nur die heutigen Piraten sind ausgesprochen brutal, sondern auch die, von denen die Zeit selbst die gebleichten Knochen getilgt hat. Der oft zitierte Innere Verhaltenskodex war Mittel zum Zweck und klang lediglich demokratischer als der der damaligen Handels- und Kriegsschifffahrt. Wäre er schlimmer als dieser, oder auch nur gleich, hätte die Bruderschaft der Piraten wohl als erstes gegen Nachwuchssorgen zu kämpfen gehabt. Die Piraten waren und sind Mitglieder von Banden, sie hatten und haben Strukturen, die als „Organisierte Kriminalität bezeichnet werden. Sympathisch? Wohl nicht.

Wenn ein Mensch eines gekaperten Schiffes durch das Entermesser eines Piraten zu Tode kam oder verstümmelt wurde war es sicher ein sehr schwacher Trost, dass die Beute demokratisch und nach festen Sätzen aufgeteilt wurde. Auch nicht, dass einige Piratenbanden eine fortschrittliche „Gliedertaxe hatten, um einen der ihren zu entschädigen, während man selbst verblutete. Ein Bukanier hatte für den Verlust seiner Hand einen Anspruch auf 100 Piaster (zirka 1.000 Euro) und medizinische Versorgung, ein Opfer keinen Anspruch auf einen Verband.

Es sind stapelweise Berichte überliefert, die beweisen, dass Gnade im Vokabular der Piraten völlig fehlte. Und von der Perversität, wie zum Beispiel einige Piraten mit den Opfern ihre teuflischen Spielchen trieben bevor sie im Tod Erlösung fanden. Details möchte ich Ihnen ersparen. Überlebende Gefangene, aus denen kein Lösegeld herauszupressen war, wurden in die Sklaverei verkauft und fanden dort den Tod.

Das brutale Vorgehen war allen gleich, egal ob es Korsaren oder Bukaniere waren. Es ging um das Beutemachen, nicht anders als den Piraten von heute. Auf Menschen wurde und wird keine Rücksicht genommen. Ich kann an dieser „Arbeitsweise nichts Rühmliches finden. Wer also seinen Jolly Roger unter die Saling zieht sollte sich versichern, dass keine echten Piraten in der Nähe sind. Wenn diese aufkommen, dann nicht als Freunde, sondern als Killer. Und dass der Jolly Roger in heutiger Zeit nur von Schiffen gehisst wird, die ein anderes versenkt haben. Wer will sich damit schon schmücken?

Ulli Kronberg, PALSTEK-Redaktion

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