Nach Süden

Die Wiege der westeuropäischen Seefahrt stand in Portugal, einer Seefahrernation mit mutigen Seemännern und risikofreudigen Kaufleuten. Man fuhr zur See und begnügte sich nicht damit, vorsichtig an den Küsten entlangzusegeln, wie es im Mittelmeer üblich war. Beherzte portugiesische Kapitäne wagten sich auf Galeonen, Karracken und Karavellen immer weiter nach Süden, wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Alles zu einer Zeit, als bei den Griechen und Römern ein Schiff als verloren galt, falls es die Sicht zum Land verlor.

Als der in Genua geborene Christoph Kolumbus, der sich in Spanien Cristóbal Colón nannte, am 3. August 1492 aufbrach, begründete König Manuel I. das portugiesische Handelsimperium. Lissabon am Tejo wurde zum größten Hafen seiner Zeit. Folgt man dem Fluss weiter Richtung Ozean, erhebt sich direkt am Ufer im Vorort Belem das Jeronimoskloster. Es wurde ab 1500 als Dank für Vasco da Gamas erfolgreiche Indienreise errichtet. Da Gama war im Jahre 1497 in Belem mit drei Schiffen aufgebrochen und kehrte 1499 mit einer Ladung Pfeffer und Zimt zurück. Eines seiner Schiffe musste er auf der stürmischen Rückreise zurücklassen, weil zu viele Männer der Mannschaft an Krankheiten gestorben waren.

Das „Mosteiro dos Jeronimos“ wurde im manuelitischen Baustil mit vielen steinernen Elementen der Seefahrt – Algen, Ankern, Muscheln, Tauen und Knoten darstellend – erbaut. Es zeigt heute in einem angegliederten Schifffahrtsmuseum zahlreiche Zeugnisse aus der Zeit der Entdecker wie alte Seekarten und Astrolabien. In der Nähe des Klosters, direkt am Tejo, steht das Entdeckerdenkmal „Padrao dos Descobrimentos“, das 1960 zum 500. Todestag von Heinrich dem Seefahrer errichtet wurde. Das protzige Denkmal stellt den Bug einer Karavelle dar, auf dem von Heinrich angeführt die portugiesischen Entdecker in die Ferne blicken.

Heinrich der Seefahrer (auch Heinrich der Navigator genannt), ein wohlhabender Prinz und jüngerer Bruder des regierenden Königs, lebte Anfang des 15. Jahrhunderts in der Stadt Sagres im Süden Portugals. Auf einem privaten Kreuzzug gegen die Mauren eroberte er 1415 mit seinen Truppen die reiche Stadt Ceuta in Afrika. Dabei erbeutete er große Schätze: Perlen aus dem Persischen Golf, Rubine aus Ceylon, Seide aus Ägypten sowie Gold und Elfenbein aus dem Inneren Afrikas.

Prinz Heinrich versammelte Kartographen, Geographen, Astronomen, Seefahrer und Abenteurer in einer Art „Seefahrtschule“ mit Observatorium. Von Sagres aus schickte er zahlreiche von ihm entwickelte Karavellen auf die Erkundungsfahrt nach Süden. Dieser neue Schiffstyp mit verbesserten Segeleigenschaften war zum Beispiel auch das Flaggschiff von Vasco da Gama. Die Karavelle ist klein, hat drei Masten mit Lateinersegeln und kann bis zu hundertfünfzig Männer aufnehmen. Ein Rahsegel am Großmast sorgt für mehr Geschwindigkeit. Der Auftrag aus dem Jahre 1418 lautete: „Findet den Seeweg nach Indien und in den fernen Orient mit seinen sagenhaften Schätzen.“ Ein kaufmännischer Auftrag, denn der Landweg war fest in der Hand der Osmanen. Als Schätze galten zu seiner Zeit Gewürze, besonders der Pfeffer. Der Handel war äußerst lukrativ, aber fest in den Händen der Metropolen Genua und Venedig.

Aber auch die Suche nach einem legendären christlichen Königreich in Afrika oder Asien war ein Motiv Heinrichs. Für die Fahrt nach Süden gab es ein großes Hindernis, das gefürchtete Kap Bojador an der Westküste Afrikas. Die Europäer glaubten zu der Zeit, hier sei das Ende der Welt, danach käme das Meer der Finsternis (mare tenebroso), in dem fürchterliche Ungeheuer lebten und dessen Küste voller Magnetgestein sei, das die Nägel aus den Schiffsplanken ziehen würde. Außerdem hatten sie Angst davor, an der „Kante“ (man hielt die Erde für so etwas wie eine Scheibe) von Strudeln in die Tiefe der Hölle gezogen zu werden.

Segeln ins Unbekannte – Unternehmungen für mutige Männer oder „shanghaite“ Matrosen, die in Hafenspelunken mit Alkohol betäubt und an Bord der Schiffe gebracht wurden. Waren trotz aller Anstrengungen nicht genügend Seeleute an Bord, füllte man die Mannschaft mit Strafgefangenen auf.

Der erste Pionier auf dem Weg zur Entdeckung des Seeweges nach Indien war Gil Eannes, ein Soldat von hervorragendem Ruf, der 1433 jedoch nur bis zu den Kanarischen Inseln segelte. Die „Inseln der Glückseligen“ waren schon seit der Antike bekannt und galten als Rand der bewohnbaren Welt. Er nahm dort einige Gefangene und kehrte dann lieber um. 1434 schickte Prinz Heinrich ihn wieder los. Eannes umschiffte Kap Bojador, indem er in einem weiten Bogen auf das Meer hinaussegelte, um dann wieder auf die Küste zuzusteuern. So erreichte er die West-Sahara, 150 Kilometer südlich von Kap Bojador. Damit war ein riesiges Hindernis überwunden und die mittelalterliche Betrachtung der Welt beendet. Prinz Heinrich schickte die Seefahrer immer weiter nach Süden. Zu Beginn des Jahres 1487 war die afrikanische Westküste bis zum heutigen Namibia erkundet, aber noch hatte kein portugiesisches Schiff die Südspitze von Afrika erreicht.

Erst im Jahre 1488 umsegelte Bartholomeu Dias mit zwei Karavellen und einem Versorgungsschiff das Kap der guten Hoffnung. In den darauffolgenden Jahrzehnten veränderte sich das Weltbild massiv. Christoph Kolumbus landete 1492 auf der kleinen Bahamainsel Guanahani, Vasco da Gama fuhr 1497 auf dem Westweg nach Ostindien, Pedro Alvarez Cabral segelte im März 1500 mit dreizehn schwer bewaffneten Schiffen nach Brasilien, und Ferdinand Magellan überquerte 1519 als Erster den Pazifik, konnte jedoch seine Weltumsegelung nicht vollenden, da er 1521 auf den Philippinen ermordet wurde.

Die Gier nach Reichtum und Macht sowie Ehrgeiz und große seemännische Fähigkeiten verliehen ihnen die Kraft, auf ihren kleinen, wenig seetüchtigen Schiffen in ständigem Kampf gegen widriges Wetter, Skorbut und Meutereien ihre Ziele zu erreichen. Fast unvorstellbar ist jedoch, wie sie mit ihren primitiven Seekarten und Navigationsinstrumenten ihre Position und den richtigen Kurs finden konnten.

Exkurs: Noch für Hectacus (500 Jahre v.u.Z.) war die Erde eine Scheibe. Zwar war das Wissen, dass die Erde eine Kugel ist, bereits vorhanden, aber zu dieser Zeit verschüttet und nicht zugänglich. Erst durch die Übersetzung griechischer Texte aus dem Arabischen tauchte der wissenschaftliche Nachweis wieder auf. So hatte Erathostenes von Kyrene (285 bis 205 v.u.Z.), Leiter der Bibliothek von Alexandria, Astronom und Geograph, den Erdumfang auf 250.000 Stadien (ein antikes Längenmaß) berechnet. Multipliziert man diesen Wert mit der damals gebräuchlichen ägyptischen Länge von 185 Metern, ergibt dies 46.250 Kilometer. Aktuelle Messungen legen den Erdumfang auf 40.075 Kilometer fest. Erathostenes ging bereits von der Kugelgestalt der Erde aus, berechnete ihre Neigungsachse und die Entfernung zur Sonne. Man vermutet auch, dass er ein Modell der Erdkugel konstruiert hat. Weil sie nun mal rund war, musste sie seiner Meinung nach auch ringsum bewohnt sein.

Vorher hatte bereits Aristoteles als „Beweis“ für die Kugelgestalt der Erde notiert, dass bei der Reise nach Süden neue Sternbilder am südlichen Horizont erschienen, während andere im Norden verschwanden.

Auch der berühmte Ptolemäus lebte in Alexandria, der antiken Weltstadt, deren Leuchtturm zu den sieben Weltwundern zählt. Ptolemäus bestimmte das Bild der Welt 1.500 Jahre lang und nannte auch „Beweise“ für die Kugelgestalt der Erde. So sei zum Beispiel der Auf- oder Untergang von Sonne, Mond und Sternen im Osten früher zu sehen als im Westen. Außerdem könne man auf dem Meer beim Landfall Berge am Horizont wachsen sehen, als ob sie direkt aus dem Meer auftauchten. Eine Erfahrung, die Seefahrern schon lange bekannt war. Ptolemäus zeichnete unter anderem das riesige Kartenwerk „Geographia“ mit einem Nullmeridian, der die Kanarischen Inseln schneidet. Von ihm stammt auch das geozentrische Weltbild für die Christenheit, dass die Sonne um die Erde kreisen lässt, die dadurch den Mittelpunkt des Universums einnimmt. Die Angelegenheit sei ganz einfach, erklärte der Wissenschaftler Johannes Sacrobosco: Ein Wassertropfen sei rund, und das Ganze verhalte sich so wie seine Teile.

Bleiben Sie dran. Wir berichten auf der Webseite in unregelmäßigen Abständen über die verwendeten Navigationsinstrumente bis zum 19. Jahrhundert. Eine spannende Reise in die Vergangenheit.

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